Hier kommt jetzt der erste Teil des wohl versprochenen Interviews mit Pfarrer Andreas Vödisch. Es folgen ein paar kurze Worte von Ihm und dann seid ihr schwupps schon drin mitten im Geschehen. Also, Bock auf einen kleinen Ausflug?
Die Fragen, die hier gestellt werden sind Fragen, die mich immer wieder beschäftigen und auf die es keine einfachen und kurzen Antworten gibt. Ich versuche sie trotzdem kurz und bündig zu beantworten. Ich weiß, dass manche bestimmt anderer Meinung sind, aber das macht die Sache ja so spannend. Ich bin als Pfarrer selbst immer wieder einer, der Antworten sucht und möchte alle, die interessiert sind ein Stück auf diesem Weg mitnehmen. Und so verstehe ich meine Antworten als Impulse, um selbst nachzudenken und um mit anderen in ein gutes Gespräch einzutauchen.
- Gibt es die eine richtige Religion?
Antwort: Jeder Mensch stellt sich diese Frage irgendwann und irgendwie. Derjenige, der alles, was mit Religion zu tun hat ablehnt, weil er meint das alles sei fauler Zauber, ist überzeugt, dass es die eine richtige Religion nicht gibt, weil keine Religion richtig ist. Auch solche Überzeugungen können, obwohl sie so modern daher zu kommen scheinen, weil sie mit der vermeintlich alten Religion abgeschlossen haben, extremistische und dumme Züge annehmen. Diejenige, die religiös mehr oder weniger gebunden ist, hat in ihrer Religion Halt und Sicherheit für ihr Leben gefunden. Für sie ist die erfahrene Religion die richtige. Und so ist für mich selbst der christliche Glaube das Fundament auf dem ich stehe und dem ich vertraue. Ich denke und das lehrt mich auch die Geschichte von uns Menschen, dass es immer wieder im Kampf endet, wenn Menschen ihre Religion als die eine wahre und einzig richtige Religion verstehen, neben der alles andere schlecht und böse ist. Ich will mich nicht vor dem Gespräch mit anderen Religionen oder unreligiösen Menschen drücken, auch wenn ich immer vom Standpunkt eines Christen spreche, aber die letztgültige Antwort auf diese Frage kann letztendlich nur Gott selber geben. Denn das ganze Leben im Glauben ist nie frei von Zweifel, was auch in der Bibel eine Rolle spielt. Bis dahin sollte das Gespräch auf Augenhöhe unser Ziel sein, um alte und neue Vorurteile abzubauen und um sich einfach besser kennen zulernen. Wie gesagt sollte dabei der eigene religiöse Standpunkt und die eigene Überzeugung nicht verheimlicht werden, sondern diese ist doch eigentlich erst die Grundlage auf der das Gespräch sinnvoll ist. Auf der anderen Seite denke ich schon, dass wir auch gefährliche und wenn man so will „falsche“ religiöse Gedanken vom eigenen, in meinem Falle vom christlichen Standpunkt aus, kritisieren sollte. Z.B. wenn Gewalt gegen andere verherrlicht und gefordert wird, wenn Menschen unter unmenschlichen Druck geraten, wenn der Wert des einzelnen Menschen in Frage steht und wenn die Welt in der wir leben von wem auch immer einfach in gut und böse, schwarz und weiß eingeteilt wird. Denn der Glaube, wie ich ihn verstehe, liefert auf unser komplexes Leben keine schnellen und einfachen Antworten, sondern Orientierung. Und das können auch ideologische und politische Antworten nicht leisten. - Kann der Glaube meinen Alltag bereichern?
A: Da gibt es viele Dinge, die auf jeden Fall dafür sprechen. Einmal bereichert mich die Gemeinschaft in meiner Gemeinde, die ja ohne Glauben nicht zu denken wäre. Ein weiterer Grund ist die weite Perspektive auf das Leben und die Welt, die mir mein Glaube schenkt. Ich fühle mich auch einfach sicherer, wenn ich glauben darf, dass Gott an meiner Seite ist. Dieses Geschenk begegnet in meinem Alltag zwar nicht immer gleich stark, aber es bereichert ihn trotzdem in jeder Minute. - Muss ich regelmäßig in die Kirche, um ein guter Mensch zu sein?
A: Um mit anderen Menschen vernünftig und fair zusammenzuleben braucht es eine innere Haltung, die den anderen Menschen respektiert. Dieser Respekt gilt auch für den Umgang mit Tieren und unserer Umwelt. Die Bibel nennt all das Schöpfung. Ich denke wer versucht so zu leben, von dem kann gesagt werden, dass er im Umgang mit anderen ein guter Mensch ist. Auf der Suche nach einer solchen inneren Haltung ist mir die Kirche immer eine gute Hilfe gewesen und ich denke, dass sie das auch für andere ist und sein kann. Aber dass man regelmäßig in die Kirche gehen muss, um ein guter Menschen zu sein, dass glaube ich eher nicht, denn dann würden ja nur gute Menschen in die Kirche gehen und die Frage nach Beichte und Sünde wäre vom Tisch. Gegen ein Ja auf die gestellte Frage sprechen auch viele Menschen, die ich kenne und lieb habe, die (leider) nie in die Kirche gehen. - Kann eine Beichte gut für die Seele sein?
A: Auch wenn das Wort Beichte aus der Mode gekommen ist, bin ich mir ziemlich sicher, dass diese unserer Seele wirklich gut tut. Denn bei der Beichte kann ich einmal alles loswerden, was mich irgendwie belastet. Ich darf alles sagen, weil ich weiß, dass die Person, die mir zuhört und die Beichte abnimmt darüber nichts zu anderen Menschen sagen darf. Die Beichte bietet so einen geschützten und sicheren Raum, wo die Seele ohne Furcht durchatmen kann. In der Beichte ist Platz für Gefühle, die auch der „stärkste Mann“ hat, die er aber außerhalb des geschützten Raumes nicht zugeben möchte und zugeben kann. Da ich an Gott glaube tut mir die Beichte gut, weil ich vertraue, dass Gott mir alle Fehltritte vergibt wenn ich ihn darum bitte. Es ist gut zu spüren, dass nichts mehr zwischen mir und meinem Gott steht, wie schwer es auch immer war und für mich eventuell bleiben kann. So habe ich es schon erlebt, dass ich, nachdem ich Gott um Verzeihung gebeten habe neuen Mut fand, um mich auch bei den Menschen, die ich verletzt habe zu entschuldigen. Und diese ersten Schritte auf andere Menschen zu, machen die Beichte zum Balsam für die Seele. - Wie kann ich Gott erkennen?
A: Wenn erkennen heißt, dass ich Gott mit meiner eigenen Vernunft und mit eigenen pfiffigen Überlegungen in meiner Welt um mich herum entdecken kann, dann scheint Gott eher nicht erkannt zu werden. Gott wäre dann ja abhängig von meinen Wünschen und Vorstellungen, wie er sein muss. Denn wenn wir uns einmal umschauen, dann spricht doch eher vieles gegen Gott, an den Christen glauben. Da gibt es Krieg, Armut, Gewalt, Mobbing, Angst, Zerstörung, Tod, Hunger und und und. Man möchte da schon fragen, wo da bitte schön Gott sein soll, der doch so mächtig sein soll, wenn er Gott ist. Warum passiert so großes Leid in meinem eigenen Leben und in der Welt? Wo ist da Gott, warum lässt er es zu? Gott müsste schon mal handeln, um all das wieder ins Lot zu rücken, damit ich ihn erkennen kann. Diese uralten Fragen, die wir Menschen uns immer wieder stellen und nie so richtig beantworten können, lassen uns darauf schließen, dass es Gott gar nicht geben kann, denn wir können ihn so nicht erkennen. Es ist also nicht selbstverständlich Gott zu erkennen. Wir Christen vertrauen darauf, dass wir Gott trotzdem erkennen können, weil er sich den Menschen zeigt. Und dies tut er in den vielen Erzählungen in der Bibel, wo Menschen ihre Geschichte mit Gott – und für uns Christen ganz wichtig mit Jesus – erzählen. In der Bibel lesen wir von Menschen, die erfahren haben, dass Gott in ihrem Leben da war. Dieses Vertrauen wächst bei mir selber, wenn ich die Bibel lese, da spüre und erkenne ich, dass Gott mich berührt. Nicht die Annahme eines höchsten Wesens weit oberhalb und weit weg von unserer Welt, sondern die Erfahrung Gottes am tiefsten Punkt menschlichen Lebens, am Kreuz – ein Bild für tiefstes Leiden – mitten in meinem Leben und im Leben von uns Menschen ist Gott erkennbar. Und so ist die Erkenntnis Gottes ein Geschenk von ihm selber. - Was kann mir der Glaube bieten, was ich so in der Welt nicht finde?
A: Wer mal mehr mal weniger darauf vertraut, dass Gott ihn liebt und trägt, egal wie er aussieht, egal wie viel Leistung er bringt, egal wie traurig und erschöpft er gerade ist, egal wie viel Geld er hat, egal wie…, der bekommt Freude und Kraft geschenkt, die er so in der Welt nicht finden kann. - Gibt es Gründe dafür, dass beim Islam gefühlt mehr Jugendliche dabei sind?
A: Weltweit betrachtet kann nicht gesagt werden, dass das Christentum gegenüber dem Islam weniger attraktiv für Jugendliche ist. In Deutschland scheint dies vielleicht so zu sein, besonders bei uns hier. Obwohl die Kirche viel Kraft und Kreativität in die Jugendarbeit steckt, erreichen wir nicht alle damit. Also liegt ein Grund bei uns Christen selbst. Ein zweiter Grund hierfür könnte darin liegen, dass Muslime in Deutschland anders (behutsamer) mit ihrer kulturellen und religiösen Tradition umgehen und leben, weil sie ihnen eine besondere Identität gibt. Die Kinder und Jugendlichen hören von ihren Eltern die Geschichten ihrer Tradition und ihres Glaubens. In meiner Familie war das genauso und so wurde der christliche Glaube bei uns lebendig. Klar muss sich jeder selbst für oder gegen ein Leben im Glauben und mit Gott entscheiden, aber wenn die Erzählungen über den Glauben in der Familie aufhören, dann finden viele Jugendliche gar nicht zum Glauben, wie er in der Kirche gelebt wird. Ein zweiter Grund findet sich vielleicht darin, dass das Freizeitangebot für Jugendliche bei uns hier sehr hoch ist. Vom Ganztagsangebot im Hort und in der Schule über Jugendfeuerwehr und Sportvereine. Neben diesen ganzen möglichen Aktivitäten muss ja auch noch Platz sein für die von allen Jugendlichen geliebte Schule. Also wo sollte da noch Platz sein für Kirche mit ihren Angeboten, wie Junge Gemeinde oder Christenlehre? Diese Zeit muss bei ganz vielen wirklich gut in den Wochenrhythmus eingeplant werden, aber es lohnt sich unbedingt.
Herzlichen Glückwunsch, du hast bis hierher gelesen! Wir sind stolz auf dich und wünschen du hattest einen guten Ausflug! Teil 2 folgt demnächst … warum, weshalb, wieso >> wer nicht fragt, bleibt dumm
Wir bedanken uns bei Pfarrer Andreas Vödisch, das er die Zeit gefunden hat sich mit unseren Fragen auseinander zu setzen!!